Soll ich einen Unverpackt Laden eröffnen – Gründe dafür und dagegen

Ich habe sehr, sehr lange darüber nachgedacht einen Unverpackt Laden in Darmstadt zu eröffnen. Seitdem ich 2013 von Original Unverpackt in Berlin gehört hatte, ließ mich die Idee nicht mehr los.

Schon lange wurde mir mehr und mehr bewusst, wie viele unnötige Verpackungen es gibt und wie die Erde jedes Jahr vermehrt unter den Mülllasten zu leiden hat. Tiere verschlucken Plastik, da sie es für Nahrung halten, sie bauen ihre Nester aus Plastikteilen, die sie für Pflanzen halten und verfangen sich in diesen, was nicht selten zum Tod führt. Auf den Meeren existieren regelrechte Plastikinseln, an den Straßenrändern häuft sich der Müll, Weichmacher im Plastik schaden der Gesundheit,… Die Liste könnte noch seitenweise fortgeführt werden. Vor diesem Hintergrund merkte ich nach jedem Einkauf, dass mich diese riesen Plastikmüllberge immer unzufriedener machten und ich keine Möglichkeit habe, diesem zu entgehen. Außer Obst, Gemüse und Eiern auf dem Wochenmarkt einzukaufen bestand keine Möglichkeit unverpackt für den täglichen Versorgungsbedarf einzukaufen.

Als ich hörte, dass es bald in Berlin einen Unverpackt Laden geben wird, konnte ich meinen Ohren nicht trauen. Das wäre ja eine Revolution. Sofort löcherte mein Kopf mich mit fragen: Wie geht das hygienetechnisch, machen die Ämter einem hier einen Strich durch die Rechnung, wie erhält ein Unverpackt Laden eigentlich seine Produkte, ist die Nachfrage nach unverpacktem Einkaufen überhaupt groß genug, und und und.

Zunächst war ich noch etwas skeptisch, ob die Mädels tatsächlich mit der Umsetzung so starten könnten, wie sie das geplant hatten. Ich las seit diesem Zeitpunkt jeden Artikel über das Projekt. So merkte ich recht schnell, dass Original Unverpackt gar nicht der erste Laden dieser Art in Deutschland war. Unverpackt Kiel hat es bereits vorgemacht. In Großbritannien hatte sogar bereits 2007 ein Unverpackt Laden eröffnet. Auch die Nachbarn in Österreich und der Schweiz zogen nach. Und wir alle wissen, viele Läden folgen sollten. Eine Liste findet Ihr hier.

Ich lernte also, dass das Konzept gar nicht so neu ist und freute mich, dass ein Umdenken stattzufinden schien. An meiner Lage änderte das jedoch nichts, ich konnte ja schlecht zum Einkaufen nach Kiel oder Berlin fahren. Innerhalb des nächsten Jahres reifte so langsam die Idee in meinem Kopf, einfach selber einen Unverpackt Laden zu eröffnen. Wenn die anderen es hinbekommen, kann ich das doch auch. Es folgten drei Jahre der inneren Unruhe und des Hin- und Hergerissen seins.

Soll ich einen Unverpackt Laden eröffnen?

Den Mut fasste ich durch meine Recherchen zum Hintergrund der Berliner Mädels. Auch sie haben keine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau oder ein BWL Studium absolviert. Das Zauberwort hieß Autodidaktik.

Ich besuchte ein Gründerseminar, in dem ich lernte, was es alles im Vorfeld zu beachten gilt. Analyse des Marktes, Business Plan Erstellung, Hospitanz in einem der bestehenden Läden, geeignete Lage finden und schon einmal nach regionalen Partnern Ausschau halten. In dem Seminar hat die Idee des Ladens übrigens sehr viel Begeisterung hervorgerufen. Alle Teilnehmer fanden die Idee klasse und versicherten, dass sie in einem solchen Laden einkaufen würden. Mit sechs Teilnehmern war das natürlich alles andere als repräsentativ, aber es ermutigte mich zusätzlich und ich hätte am liebsten auf der Stelle den Laden eröffnet.

Parallel besorgte ich mir Ausbildungsbücher zur Einzelhandelskauffrau. Ich verschlang die Inhalte regelrecht und bekam eine unbeschreibliche Lust auf den Laden. Ich kontaktierte sogar schon das Gesundheitsamt und versicherte mich, dass ein Unverpackt Laden tatsächlich auch in Hessen möglich ist. Ich kontaktierte Hersteller der notwendigen Behältnisse (Bulk Bins) und fing an mein Logo zu entwerfen. Eine schöne Lage hatte ich sogar bereits gefunden. Direkt am Wochenmarkt, neben einem Käseladen und einem Metzger. So hätten sich die Produkte perfekt ergänzen können.  Ich vereinbarte ein Gespräch mit den Vermietern und sie waren von meiner Idee begeistert. Doch eine solche Lage hat natürlich auch ihren Preis.

A propos Preis – Der größte Punkt, der die ganze Zeit über einem schwebt ist die Finanzierung. Kann ich die finanzielle Last stemmen, welche Finanzierungsform ist die beste, wie viel muss ich verkaufen, um von dem Laden leben zu können, wie hoch ist die Gewinnmarge bei Lebensmitteln, wie hoch darf die Ladenmiete sein, brauche ich am Anfang bereits Personal, wie muss der Laden aufgebaut sein, damit die Ämter ihn freigeben, was muss zur Lagerung der Lebensmittel beachtet werden, Fragen über Fragen, die einen in diesen Zeiten überwältigen.

In der Zwischenzeit haben schon mehrere Unverpackt Läden eröffnet und sie alle nutzten Crowdfunding zur Finanzierung ihres Ladens. Das Konzept ist prima. Du machst ein Video, das erklärt, worum es bei Deinem Projekt geht, erstellst eine Seite auf einer Plattform (die meisten nutzen Startnext) und stellst Gutscheine ein, die Deine Unterstützer erwerben können, wie beispielsweise einen 30 Euro Gutschein für 25 Euro, der dann sobald der Laden tatsächlich existiert eingelöst werden kann. So kannst Du bereits viel Geld sammeln, ohne Ausgaben zu haben. Der Vorteil dieser Finanzierungsform ist, dass Du Dein Crowdfunding im Vorfeld bereits bewerben musst, damit die Leute darauf aufmerksam werden. So hast Du bereits vor Eröffnung Deines Ladens ein Medienecho und die Leute freuen sich auf den Laden. Außerdem spart man sich Zinsen und man könnte sogar auf den Business Plan verzichten, wovon ich jedoch abraten würde. Der Business Plan hilft Euch selber, das Projekt realistisch einzuordnen. Darauf komme ich später noch einmal zurück.

Ich zweifelte daran, dass die Community bereit dazu wäre noch einen weiteren Unverpackt Laden mit Crowdfunding zu unterstützen, da das Thema nicht mehr neu war. Dennoch erstellte ich meine Startnext Seite und machte mir bereits Gedanken, wie ich meinen Werbefilm gestalten soll. Der Name des Ladens wäre übrigens „Ka Dudd“ gewesen, das ist hessisch und heißt „Keine Tüte“:neues-bild

Damals war ich sehr unsicher, ob das tatsächlich die richtige Finanzierungsform sei, da mein damaliger Arbeitgeber durch die Bewerbung der Aktion ja erfahren hätte, dass ich Pläne habe das Unternehmen zu verlassen. Das war der Grund, warum ich es im ersten Schritt nicht durchgezogen habe. Die Formalitäten mit der Bank waren mir ehrlich gesagt zu aufwändig und ich hatte auch keine Lust mich finanziell zu überschulden und in den Folgejahren hohe Zinsen an die Bank zurückzuzahlen.

Das Projekt dümplete also vor sich hin, ohne dass ich den Mut gehabt hätte, die Startnext Aktion durchzuziehen. Währenddessen hatte ich konstant eine innere Panik, dass jeden Tag jemand anderes einen Unverpackt Laden in Darmstadt eröffnen würde. Ein Jahr voller Unruhe verging und ich beschloss mir eine Partnerin zu suchen, um die Sache gemeinsam anzugehen und gegenseitige Mut zu schöpfen. In der Facebook Gruppe „unverpackt einkaufen“ habe ich einfach mal einen Post gesetzt, ob im Raum Darmstadt jemand Interesse hätte, einen solchen Laden zu eröffnen. Man könne sich ja mal unverbindlich auf einen Kaffee treffen. Und tatsächlich meldete sich jemand. Wir trafen uns und hatten ein sehr gutes Gespräch. Ich merkte, „hey, das könnte was werden“. Wir waren auf einer Wellenlänge, hatten ähnliche Vorstellungen und wurden obwohl wir uns nicht wirklich kannten bei diesem einen Treffen schon sehr konkret, sodass wir tatsächlich darüber sprachen in drei  Monaten den Laden zu eröffnen. Das klingt krass und irgendwie war es das auch. Wir teilten uns bereits einige to dos auf und blieben in Kontakt. Das Ladenlokal, das ich oben bereits erwähnte war in der Zwischenzeit natürlich schon längst vermietet. Heute befindet sich darin übrigens ein Klamottenladen. Ich ging also erneut auf die Suche und wurde fündig. In Darmstadts schönstem Viertel, in dem viele junge Familien wohnen, die auf nachhaltige Ernährung achten, wurde eine Lokalität frei, die neben einem großen Supermarkt liegt. Perfekt, da die Leute bei diesem Supermarkt parken können und dann ergänzende oder gar alle Produkte bei uns hätten kaufen können.

Die Unruhe in mir stieg und in meinem Kopf ereignete sich ein Wettrennen mit mir und einem potentiellen anderen Gründer in Darmstadt. Das ist kein schönes Gefühl und man fühlt sich nur noch gehetzt.

Trotzdem blieb immer ein Zweifel in mir, ob man von diesem Laden auch tatsächlich leben kann. Ich erstellte schon bei meiner ersten Idee im Kopf einen Business Plan, der schnell für Ernüchterung sorgte. Du musst dabei nicht nur die Kosten für den Laden einrechnen. Sobald Du selbständig bist, musst Du dich selber krankenversichern, was monatlich schon einmal 300-400 Euro verschluckt. Du  musst genug verdienen, um Deine privaten Kosten wie Miete und Verpflegung stemmen zu können, etc.

Davon wollte ich mich aber nicht unterkriegen lassen……denn, die anderen schaffen es ja auch. Um finale Klarheit zu erreichen entschloss ich mich dann, obwohl ich schon soviel eigenständig recherchiert habe, ein Unverpackt Seminar in einem der bestehenden Läden zu besuchen. Gesagt, getan!

Die Einblicke, die ich dort erhielt waren interessant und es war schön, den Ablauf live zu erleben. Es war guter Betrieb an dem Tag, ich konnte mich mit Kunden über ihre Erwartungen an einen verpackungsfreien Einkauf unterhalten und ich sah auch den Tagesabschluss Bon der Ladenkasse, der vom Umsatz her in Ordnung war. Irgendwie rückte der Besitzer des Ladens aber nicht mit allzu konkreten Zahlen zur Jahresbilanz heraus, was mich verunsicherte. Hinzu kamen Gedanken an die großen Ketten wie tegut, Alnatura und denn’s Biomarkt, die höchstwahrscheinlich früher oder später Bulk Bins einführen werden. Als Vorbote kann Budni in Hamburg gesehen werden. Sie haben bereits testweise begonnen Ecover Reinigungsmittel zum Abfüllen anzubieten.

In der Folgewoche, nach dem Seminar, musste ich dann auch noch auf Facebook lesen, dass der Holis Market, der immer so professionell und auch profitabel erschien, insolvent gegangen ist. Bei dieser einen Insolvenz sollte es auch nicht bleiben. edel-unverp

Edel Unverpackt in Hannover hat es leider auch nicht geschafft und erst letzte Woche habe ich wieder einen traurigen Post gelesen, in dem es „Louise genießt“ in Erfurt auch nicht so gut geht.

Da meine Partnerin aufgrund der Kinderplanung kalte Füße bekommen hat und ich zunehmend in finanzieller Hinsicht verunsichert wurde, haben wir uns dann dazu entschlossen, das Projekt zu begraben. Ich war überrascht, wie leicht es mir fiel. Ich habe durch den Besuch des Unverpackt Seminars Frieden gefunden.

Im Oktober 2016 hat nun in Darmstadt ein Unverpackt Laden eröffnet und es hat mir nichts ausgemacht. Ich bin sogar froh, dass mein inneres Wettrennen endlich ein Ende hat. Es ist ein befreiendes Gefühl! Mein neues nachhaltiges Baby ist dieser Blog, in den ich jetzt meine freigewordene Energie stecken kann 🙂

Ich möchte mit diesem Beitrag keinesfalls Unverpackt Läden schlecht reden!!!!! Es ist großartig, dass es sie gibt und die schnelle Verbreitung der individuellen Läden ist wundervoll anzusehen. Doch das Projekt muss gut überlegt sein, gut geplant, mit Zusatzgeschäften wie Seminaren oder Gastronomie aufgepeppt sein und mit viel Liebe und Leidenschaft geführt werden, um erfolgreich zu sein.

Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht und auch schon mal überlegt einen Unverpackt Laden zu eröffnen oder habt es gar gewagt und habt meine Zweifel ebenfalls durchlebt und es trotzdem gemacht? Ich freue mich auf Eure Kommentare. Bei Fragen könnt Ihr mir auch gerne schreiben.

Eure Susie


2 Gedanken zu “Soll ich einen Unverpackt Laden eröffnen – Gründe dafür und dagegen

  1. Moinsen, danke für den Beitrag. Toll wie du deine Erfahrungen mitteilst.
    Ich hatte selbst überlegt einen unverpackt Laden zu eröffnen, da ich die Idee grundsätzlich gut finde, weniger Müll zu produzieren.
    Nach dem Beobachten in den sozialen Medien und dem Besuch des Kieler Geschäftes , dem Austausch mit dem Vertrieb der Bins, der Aufgabe verschiedener Geschäfte, bin ich damit anders bei mir angekommen. Ich sehe es sehr ähnlich wie du es beschrieben hast. Ich vermute aber, dass die Geschäfte mit Hauptfokus auf dem Unverpackt-Aspekt keine Zukunft haben.
    Aber es is auch gleich.. Ich wünsche jedem viel Erfolg für sich. Das fand ich nu an deinem Beitrag auch gut, es war ne Reise.. Oder es is ne Reise für dich in dir. Astrein 😉

    Ich habe bereits n Onlineshop, mache dann Naturkostgeschäft mit veganen Delikatessen.. Einfach weil mein Leben dahin geht. Ich will Genuss und Freude. Das ist auch etwas was mir bei dem Unverpackt-Aspekt etwas fehlt.

    Im jeden Fall nochmal Danke für deinen Bericht! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Leonard, danke für Deinen Kommentar. Es ist schön zu lesen, dass es Dir ähnlich ging. Zu dem Thema findet man nämlich online nichts. Wenn man „Unverpackt Laden eröffnen“ googlet, dann kommen nur Berichte über die bestehenden Läden oder Seminar Angebote. Eine Auseinanderesetzung mit dem Thema fehlt leider. Daher habe ich es mir einfach mal von der Seele geschrieben 😉 Ich hoffe hier noch auf mehr Gleichgesinnte zu treffen. Einen Tag nach der Veröffentlichung meines Blogbeitrags habe ich auf Facebook von einem weiteren Unverpackt Laden gelesen, der sein Interieur verkauft. Diesmal war es Passau. Das ist echt schade, aber bestätigt mich zusätzlich in meiner Entscheidung.

      Schön, dass Du Deine Nische mit Deinem Onlineshop gefunden hast 🙂 Ich wünsche Dir viel Erfolg!

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